Bremsen!

Die Tourismusgenossenschaft will mit dem Heller-Garten noch mehr Touristen nach Brixen locken. Die Brixner Bürger aber sagen: Genug! Sie wollen einen offenen Hofburggarten als Teil der näheren und weiteren Wohnumgebung, der maßgeblich zur Qualität des Wohnens in Brixen beiträgt.

Der Historiker Hans Heiss, 66, war von 2003 bis 2018 Abgeordneter der Grünen/Verdi/Vërc im Südtiroler Landtag. In dieser Zeit hat er mit seinen Parteikollegen immer wieder versucht, das Thema Overtourism auf die politische Agenda zu bringen. „Mit mäßigem Erfolg“, wie er sagt, da die Regierung sehr tourismusfreundlich agiere. Heiss erklärt, warum es Begrenzungen bei der Zahl der Betten und dem Zugang zu manchen Pässen braucht und weshalb der Tourismus in seiner wirtschaftlichen Bedeutung überschätzt wird.

SZ: Herr Heiss, hat Südtirol zu viele Touristen?

Hans Heiss: Es gibt seit Jahren ein starkes Wachstum der Gästezahlen. An manchen Orten und zu manchen Jahreszeiten beobachten wir ein Heißlaufen des Tourismus. 2018 hatte Südtirol 33 Millionen Übernachtungen. Das ist ein Drittel der Übernachtungen, die ganz Bayern hatte. Während Bayern aber zehn mal so groß ist und 13 Millionen Einwohner hat, gibt es nur 0,5 Millionen Südtiroler. Auf einen Einwohner kommen im Schnitt 56 Übernachtungen. Und mit 20 Gästebetten pro Quadratkilometer haben wir eine deutlich höhere Bettendichte als die Nachbarn in Nordtirol oder dem Trentino mit je 16. Rund um Meran, sowie in den Dolomitentälern Gröden und Alta Badia sind die Zahlen noch viel höher. Das ist jenseits der Schmerzgrenze. Man merkt es am Verkehr, an der Enge, an den hohen Grundpreisen und Lebenshaltungskosten.

Zu Ostern rollt wieder halb Bayern und Baden-Württemberg in Südtirol ein. Ist der Verkehr das Hauptproblem?

Der Verkehr ist sicher eines der ganz großen Probleme. Nicht nur wegen der Touristen, auch die Einheimischen fahren viel herum. Die Brennerautobahn hat ihren Sättigungsgrad schon lang erreicht, auf Überlandstraße wie etwa jener durchs Pustertal geht an Wochenenden oft gar nichts mehr.

Obwohl es ja eine Regionalbahn durchs Pustertal und auch im Vinschgau gibt.

Diese Bahnen sind eine Erfolgsgeschichte. Dennoch benutzen 85 Prozent der Gäste für die Anreise ihr eigenes Auto. Durch die immer kürzere Aufenthaltsdauer der Touristen, die oft nur ein Wochenende lang bleiben, entsteht natürlich auch immer mehr Verkehr.

Sie plädieren für eine Obergrenze bei den Gästebetten – bisher ohne Erfolg.

Diese Obergrenze gab es schon. Bereits 1997 wurde im Raumordnungsgesetz festgelegt, dass es nicht mehr als 229 000 Gästebetten geben darf. Nun, da wir uns mit aktuell 224 000 Betten und einer sehr starken Bautätigkeit darauf zubewegen, wurde das Gesetz geändert und die Obergrenze ab 2020 abgeschafft. Im Interesse der Landschaft und der Menschen ist das meiner Meinung nach falsch. Und die Branche steuert auf Überkapazitäten zu.

Die Südtiroler leben gut von den Gästen, warum sollten sie freiwillig auf welche verzichten?

Der Tourismus ist wichtig, keine Frage. Aber ihm wird viel mehr Bedeutung zugemessen, als er gesamtwirtschaftlich hat: Mit etwa 17 Prozent des BIP und 37 000 Arbeitskräften ist er wichtig, aber Gewerbe und Industrie haben einen deutlich höheren Anteil an der Wirtschaft. Der schon genannte Verkehr, die Verbauung der Landschaft, wegen der die Gäste ja kommen, zudem der Mangel an einheimischen Arbeitskräften – all das sind Gründe, um etwas auf die Bremse zu steigen.

Wie sehen die Einheimischen diese Entwicklung?

Die Stimmung ist -noch- sehr tourismusfreundlich. Die Skepsis aber wächst. In Radio- und Fernsehsendungen und auch auf der Straße hört man oft den Satz: „Ja, der Tourismus ist wichtig, aber jetzt ist es genug.“ Der Hotelier- und Gastwirteverband hat eine GfK-Umfrage machen lassen. Demnach finden 80 Prozent der Südtiroler, dass der Tourismus wichtig ist für die Entwicklung des Landes. Aber jeweils fast 90 Prozent sehen ihn auch als Ursache für Verkehrsbelastung und steigende Lebenshaltungskosten.

Und die Gäste?

Jene, die Südtirol von früher kennen, kommen oftmals nicht mehr, weil ihnen zu viel los ist. Zwar ist das gastronomische Niveau viel besser als früher, die Betriebe größer und professioneller. Die Distanz zwischen Gast und Gastgeber ist aber dadurch auch gewachsen.

Wie steht die Landesregierung zur Thematik?

Es gibt erste Versuche, den Tourismus in sehr beanspruchten Gegenden etwas zu begrenzen, indem man weniger Baugenehmigungen erteilt. Auch will man mehr machen, um die Urlauber mit der Bahn ins Land zu bringen: bessere, schnellere Zugverbindungen aus Süd und Nord sowie ein Mobilitätsangebot mit Elektroautos, Abholservice und guter Busanbindung vor Ort. Bisher ist das aber noch sehr in den Anfängen.

Eine Sperrung der viel befahrenen Dolomitenpässe wird immer wieder diskutiert.

An einer Kontingentierung auf diesen Straßen wird auf Dauer kein Weg vorbeiführen. Pro Tag oder Stunde dürfte dann nur eine bestimmte Anzahl von Autos oder Motorrädern über den Sellapass oder das Grödner Joch fahren. Gerade für PS-starke Motorräder ist Südtirol ein Paradies, weil hier kaum kontrolliert wird. Viele Biker fahren deshalb wie die Besessenen, was zu vielen Unfällen, aber auch zu hoher Lärmbelastung führt.

In diesem Jahr ist Südtirol 100 Jahre Teil Italiens. Hat es dem Tourismus genützt?

Auf jeden Fall. Zum einen hat es uns den italienischen Markt erschlossen: Heute sind das 31 Prozent der Übernachtungen. Zum anderen kommen auch die deutschen Gäste (48 Prozent) gerne wegen der Mischung, die von den Sprachen bis zum Essen reicht. Aber echte kulturelle Begegnung zwischen den Sprachgruppen und Kulturen ist noch weit entfernt.

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