Tourismus in Brixen: Fakts und Fiktionen

Einige Hinweise zur Entwicklung von Brixens Tourismus, vor allem auf die baldige Annäherung an die Overtourism-Grenze.

Tourismus in Brixen ist nicht im Sinkflug, sondern braucht Stabilisierung anstelle von weiterem Wachstum.

Brixens Nächtigungszahl hält in Südtirol 2017 an 14. Stelle der 116 Gemeinden. Mit 625.272 Nächtigungen liegt unsere Gemeinde hinter den TOP 13 Kastelruth (1,517 Mio.), Wolkenstein (1,254), Meran (1,119), Schenna (1,063) Corvara (0,957), Abtei (0,937), Ahrntal (0,903), Tirol (0,828), Mühlbach (0,737), Sexten (0,707), Ratschings (0, 672), Bozen (0,664), St. Ulrich (0,658). Brixen liegt vor Hot-Spots wie Eppan, Kaltern, Lana, Naturns, Toblach oder Bruneck. Für 2018 sind annähernd 700.000 Nächtigungen zu erwarten.

Die Zahl der Nächtigungen hat von 2007 bis 2017 von 513.979 auf den aktuellen Wert zugelegt und sich damit um 21,7% verbessert, deutlich mehr als das Landesmittel, das sich im Zehnjahres-Abstand nur um 18,8% erhöht hat. Die Auslastung der Betriebe, also die Vollbesetzung ihrer Betten, erreicht für Brixen 2017 138,8 Tage im Jahr (2007: 118,2). Das liegt deutlich unter dem Landesmittel von 145,7 Tagen südtirolweit; hieran gilt es zu arbeiten. Aber Tagestouristen und Kurz-Trip-Gäste, die etwa einen „Heller-Garten“ besuchen, tragen zur besseren Auslastung nicht bei, sondern senken diese.

Brixen ist neben dem 5 x größeren Bozen die einzige TOP-15-Tourismusgemeinde Südtirols, in der Tourismus nicht die Ausschlag gebende Rolle spielt.

In Orten wie Kastelruth, Ahrntal, Mühlbach und Ratschings ist Tourismus die führende Branche, gegen die andere Sektoren weit zurücktreten. Handwerk, Industrie, Dienstleistungen, Landwirtschaft spielen in solchen Orten die zweite Geige. In Brixen ist es genau umgekehrt. Hier spielt jeder größere Industriebetrieb eine wichtigere Rolle als der gesamte Tourismus der Gemeinde.

Der Umsatz von jedem der folgenden Betriebe entspricht dem sämtlicher Tourismusbetriebe auf Gemeindegebiet: Progress (2017: 194,6 Mio. €; 504 MA), Wierer (123 Mio.; 307 MA), HA-KA (Duka, 98 Mio. €, 450 MA), erst recht für Durst und Alupress (die keine Bilanzen veröffentlichen, Umsatz liegt aber wohl bei 200 Mio. bzw. 140 Mio. € ). Auch BriMi (88,6 Mio; 182 MA); Frener & Reifer (74 Mio.;181 MA) sind beachtliche Player. Und dies ganz ohne Lautstärke, ohne ökologischen Impact, ohne „Industriegenossenschaft“ zur Vermarktung, dafür mit oft hoch qualifizierten Arbeitsplätzen. Dies gilt auch für Banken, Krankenhaus, öffentliche Verwaltungen, erst recht für Schulen. Tourismus ist in Brixen ein wichtiger Player, aber eben nur – the second best.

In Brixen ist kein „Bettensterben“ feststellbar, wohl aber eine Qualifikation des Angebots notwendig.

Brixen hatte 1997 eine Gesamtzahl von 4250 Betten, 2007 von 4348 und 2017 von 4.504 Betten. Ist das viel oder wenig? Wenn wir einige der oben angeführten Bigs zum Vergleich heranziehen, so sind Abtei mit 8.769 Betten, Kastelruth mit 8.772 weitaus führend, aber bereits Ahrntal (5169), Ratschings (4.215), St. Ulrich (4.665), erst recht Bozen mit nur 3.682 Betten liegen gleichauf oder weit darunter. Ziel muss es sein, Betten im Bereich der höheren Vier und Fünf-Qualitätsklassen zu steigern und zumal bei kleineren Häusern höhere Qualität zu erzielen.

Ein „Heller-Garten“ belebt keinen qualifizierten Tourismus, sondern Tagestourismus und Handel in der Stadt.

Nur wenige Gäste werden ein Wochenende oder gar einen Urlaub in Brixen verbringen, um den Heller-Garten zu besuchen. Er wäre für Übernachtende eines von mehreren „Must-See“, aber keine Hauptattraktion. Dafür würde der Garten Tagestouristen aus anderen Regionen, dem nahen Tirol oder Bayern anlocken. Das belebt die Altstadt, ihre Gastronomie und Einzelhandel (vielleicht), vor allem aber steigert sie Hektik und Verkehrsaufkommen. Bei geschätzt 200.000 Besuchern jährlich, davon ca. 2/3 auswärts, wird die Altstadt, aber auch das Lebensumfeld von Brixnerinnen und Brixnern in ökonomisch wirkungsvoller, aber ökologisch bedenklicher Weise „vitalisiert“. Denn Verkehr, Emissionen, Parkplatzmangel, Lautstärke, gehen wesentlich auf Kosten der in Brixen lebenden Menschen. Mehr noch: Die Altstadt riskiert – wie von Hermann Barbieri eindringlich beschrieben – zur kommerziellen Benutzeroberfläche zu verkommen.

Fazit

  • Brixens Tourismus ist stark unterwegs, bedarf aber vor allem einer Qualifizierung unter nachhaltigen Aspekten.
  • Längere Aufenthaltsdauer, ökologische Anreise im Zug (Berlin-Bx, Wien-Bx, Roma Bressanone in 7 h), Kongresstourismus, nachhaltiger Genuss-und Kulturtourismus ohne Event-Gedöns mit einer qualitätsvoll bespielten Hofburg sind geeignete Strategien, in die auch ein Offener Bürgergarten passt.
  • Tourismus ist nur eines von mehreren wirtschaftlichen Standbeinen Brixens. Er ist längst nicht das wichtigste, aber allemal das aufdringlichste.
  • Die Tourismus-Entwicklung Brixens kann nicht außerhalb einer Leitvision über die Zukunft Brixens gedacht werden. Diese fehlt bislang zur Gänze. Das Thema Hofburggarten ist aber hierfür ein zentraler Angelpunkt.

 

Ein Gedanke zu „Tourismus in Brixen: Fakts und Fiktionen

  1. Dies sind wichtige Hinweise, welche von der Gemeindepolitik, aber auch von den Tourismusorganisationen – und natürlich von allen, die an der Gestaltung von Brixens Zukunft beteiligt sind – ernst genommen werden sollten!

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