Brixens Altstadt, Fassade oder Stadtteil, der lebt?

Don Paolo Renner: „Die Zukunft des Hofburggartens wird große Auswirkungen auf die Stadt haben.“

Wir beginnen diese Überlegungen mit der Bewunderung von André Heller für die Brixner Altstadt, besonders für den inneren Kern, der unmittelbar an der Hofburg angrenzt. Er hat sie anlässlich seines Exposees zum Hofburggarten im November 2017 so geäußert:

„Das ist ja unglaublich, wie schön dieses Ensemble ist.“

Der Satz sagt nichts Neues. Das Brixner Leitbild aus Pürgstallers Zeiten nennt die Altstadt „unser Gesicht“, „ein faszinierendes Erbe“ und „unser wertvollstes Kapital“. Im einschlägigen Kapitel steht, zwar ganz unten und der Bedeutung von Handel und Tourismus eindeutig nachgeordnet, aber immerhin deutlich:

„Eine Altstadt, die lebt, muss Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Begegnung und Erlebniswert in sich vereinen. In der Altstadt soll qualitativ hochwertiges und attraktives Wohnen gesichert werden.“

Tatsächlich:

  • Die Altstadt ist ein gewachsener Ort der Kultur und der Begegnung, auch der Unterhaltung.
  • Da lebt eine große Zahl der in Südtirol ansässigen Kulturen.
  • Die Altstadt erlaubt wie in kaum ein anderer Stadtteil ein natürliches Näheverhältnis zwischen Wohn- und Arbeitsraum. Da gibt es Büros, Gastbetriebe, Geschäfte, Handwerker, Künstler, ….
  • Viele für den Alltag wichtige Einrichtungen sind in und von der Altstadt her günstig und bequem zu erreichen, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem CityBus.
  • Deshalb: In keinem anderen Stadtteil sind die Rahmenbedingungen für ein weitgehend autofreies Leben so günstig. „Dem individuellen Verkehr mit dem Auto werden wir weitere Alternativen gegenüberstellen,“ heißt es im genannten Leitbild. Die Altstadt ist so eine Alternative.
  • In der Altstadt lebt Altes, Neues, Modernes nahe beieinander. Das sieht auch das Leitbild so: „Wir wollen Historisches bewahren und gleichzeitig Neues integrieren – etwa in der Architektur und Freiraumgestaltung.“

Die Altstadt ist so vielfältig, wie kaum ein anderer Stadtteil in Brixen.

Man möchte meinen, in diesem unglaublich schönen inneren Altstadtkern müssten Brixner Bürger*innen ja besonders gerne wohnen. Aber wir beobachten die Entwicklung seit 25 Jahren und haben mehr Brixner*innen weg- als herziehen sehen. In den Großen Lauben leben 2016 ganze 63 Menschen, also etwa 12 bis 15 Familien, in den Kleinen Lauben 70. Dafür entstehen neue Bevölkerungsstrukturen, am Beispiel Bäckergasse lässt sich die Tendenz nachzeichnen. Von den 76 Personen, die 2016 dort wohnen, sind 23 in Südtirol geboren, davon 17 in Brixen. Die weiteren 53 stammen aus anderen italienischen Provinzen und aus dem europäischen und außereuropäischen Ausland. Das ergibt ein kulturell bunt gemischtes Nebeneinander mit leider wenig bis keiner Berührung untereinander.

Es scheint, dass die Attraktivität des Altstadtkerns als Wohnviertel in den letzten 20 Jahren verloren gegangen ist, trotz der günstigen Voraussetzungen und der guten Vorsätze. Es würde uns wundern, wenn es anders wäre, bei einem Stadtteil, der von Saison zu Saison ganz wenige Atempausen kennt zwischen Events aller Art, vom Konzert übers Fest zum Sport und zum Kommerz. Viele dieser Veranstaltungen sind einfach nur laut und lärmend. Und in den Zwischensaisonen versucht man mit teuren Attraktionen wieder Besucherströme anzuziehen. Der Stadtkern kommt kaum zur Ruhe, die Folge davon spiegelt sich in der Entwicklung der Wohnbevölkerung wieder.

Die etablierte Eventkultur hat ein Ziel, das das Stadtmarketing der Tourismusgenossenschaft auf seiner Homepage auch explizit benennt: Besucher in die Stadt bringen, den Konsum fördern, die Attraktivität steigern, die Altstadt beleben, die Zufriedenheit der Kunden und Gäste heben, kurz, die Stadt wie eine Ware vermarkten. Das ist seit Jahrzehnten das Ziel der sogenannten Altstadtbelebung.

Bürgermeister Peter Brunner hat dieses Ziel in seinem Programmatischen Dokument 2015-2020 auf den Punkt gebracht. Im Kapitel Wirtschaft und entsprechende Maßnahmen ist da zu lesen: „Etablierung des Stadtmarketings: Förderung eines „Lebensgefühls Altstadt“ für Einheimische und Gäste sowie Weiterführung erfolgreicher Veranstaltungen und Entwicklung neuer Events, die nachhaltig Wertschöpfung garantieren.“
Damit ist alles, was die Altstadt und ihre Entwicklung betrifft, der Logik des Verkaufes und der Führung durch das Stadtmarketing untergeordnet, als der „Schnittstelle zwischen dem öffentlichen Sektor und der privaten Wirtschaft“. Das Stadtmarketing macht dabei seinen Job durchaus gut: für die Branche, die es vertritt. Das Ergebnis ist weiter oben dargestellt: die Altstadt erblüht als Tourismusdestination und verfällt als Wohnort. Das Stadtzentrum wird reduziert auf eine Fassade, vor der Menschen in Entzücken geraten, die von auswärts kommen. Bedenklich ist, dass dies alles im Auftrag der Gemeindeverwaltung geschieht. Die wirklich unglaubliche Schönheit der Altstadt liegt eben nicht nur im wunderbaren Ensemble der Fassaden, sondern vor allem im Ensemble der Menschen, die diese Fassaden beleben, die hier immer noch wohnen, ein und aus gehen, arbeiten, ihren Alltag bewältigen. Und diese kommen in diesen Konzepten ganz einfach nicht vor.

Das Konzept Heller-Garten nimmt sich naturgemäß aus der geschilderten Logik nicht heraus, es schreibt sie verstärkt fort. Dass noch mehr Menschen als bisher Brixen besuchen werden, ist kein Nebeneffekt, sondern angestrebtes Ziel. Der Riesenaufwand und die hohen Kosten müssen und werden sich lohnen. Wie sonst ist es zu verstehen, dass die Stadtverwaltung an diesem Konzept und an dem Namen Heller festhält, obwohl ein großer Teil der Brixner Stadtbevölkerung die Lösung befürwortet, wie sie die Initiative für einen offenen Bürgergarten am 27. März im Forum vorgestellt hat?

Die Merkmale für einen an den Bürgern orientierten Garten sind schon mehrfach genannt worden. Im Zentrum stehen die Erreichbarkeit für alle Anrainer rundherum. Sie sind es, die die Stadt Brixen so unglaublich schön machen. Ohne sie wäre Brixen tatsächlich schöne, aber leere Fassade. Es ist nicht verständlich, warum Senioren*innen aus dem Bürgerheim im Süden der Stadt den Garten nicht direkt und ohne Umweg über das Nordportal erreichen sollten. Sie wären faktisch ausgeschlossen. Mehr als naheliegend ist auch der Ostwest Durchgang für die Anwohner und Nutzer aus den entsprechenden Bezirken. Genauso ist der Eintrittspreis ein Ausschlussmechanismus, auch wenn für Brixner Bürger*innen ein symbolischer Preis oder gar der Nulltarif gewährt würde. Man stelle sich vor: Ich gehe mit meinem Besuch aus Feldthurns oder Aicha in den Hofburggarten, ich mit Zugangskarte, der Besuch zahlt. Jeder spontane Besuch von Außen würde eingebremst, außer der der registrierten Touristen.

Was Not tut ist also ein zweifacher gedanklicher Polsprung.

Erstens: Der Brennpunkt der Aufmerksamkeit liegt beim Hellerkonzept in der Belebung von Tourismus und Handel durch Besucher*innen von auswärts, die Bürger*innen kommen in den Genuss von Nebeneffekten. Das ist auf den Kopf zu stellen. In den Brennpunkt sind die Bürger*innen zu stellen, mit dem Ziel einer Belebung der Altstadt mit Bewohnern, vor allem mit Familien, die wieder gerne im inneren Altstadtkern leben, so wie das Leitbild es feststellt. Der Garten ist öffentlicher Raum und Teil seiner näheren und weiteren Wohnumgebung und soll als solcher genutzt werden können. Er soll so gestaltet sein, dass er maßgeblich zur Qualität des Wohnens in Brixen beiträgt. Davon können und werden auch Tourismus und Handel profitieren.

Zweitens: Gerade aus diesen Gründen können die Tourismusgenossenschaft und das Stadtmarketing nicht der Hauptakteur in Sachen Stadtentwicklung und Gestaltung des Hofburgartens sein. Es ist notwendig, die Politik der „Eingeweihten“, der „stillen Kämmerlein“ (Der Brixner 329 – Juni 2017) und der ausgewählten Interessensgruppen aufzubrechen. Wenn die Bürgervertreter das nicht leisten, werden sich immer wieder Bürger*innen finden, die die Aufgaben der Gemeinde, Dialogräume zu schaffen, wie schon mehrmals, weiterhin selbst in die Hand nehmen. Das Bürgerforum vom 27. März war die vorläufig letzte Gelegenheit dazu.

Hermann Barbieri, Klaus Vontavon, Franz Linter

 

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